Die Reihe „Das Licht und die Wildnis“ ist das Ergebnis mehrjähriger Planungen und Vorbereitung. Anfang 2012 kam mir quasi aus dem Nichts die Idee für eine ganz bestimmte Szene in der Welt, in der heute die Serie spielt. Ein wenig fühlte es sich damals an, als habe sich in meinem Kopf für einen kurzen Augenblick ein Spalt aufgetan und mir einen Einblick in eine zugleich fremde und faszinierende Welt gewährt.

Basierend auf dieser Erfahrung habe ich damals begonnen, rein intuitiv eine Geschichte aufzuschreiben. Nach etwa einem Jahr habe ich bemerkt, dass es der Erzählung an Tiefe fehlte. Der Grund lag darin, dass ich die Welt, in der die Handlung sich vollzog, schlichtweg noch nicht gut genug kannte. Ich wusste nicht, was sich hinter den „Kulissen“ der Umgebung einer jeweiligen Szene befand. Anschließend verwendete ich daher über ein Jahr dafür, die Welt so gründlich zu erkunden, wie nur möglich.

Ich ging zurück zum Zeitpunkt ihrer Erschaffung, über den nur noch Legenden existierten. Zurück zum Erwachen der ersten Menschen. Zu jenen frühen Tagen, in denen die Menschen versuchten, Erklärungen für den Sinn und Zweck ihrer sterblichen Existenz zu finden. Dabei entstanden unter ihnen ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was mit dem begrenzten Leben eines sterblichen Menschen am besten anzufangen sei. Unterschiedliche Anführer vertraten in dieser Hinsicht ganz unterschiedliche Theorien, die schließlich dazu führten, dass sich die ursprüngliche Menschenfamilie aufteilte. Die Vertreter unterschiedlicher Lehren scharten dabei diejenigen Menschen um sich, die sie von ihren Erklärungen überzeugen konnten und führten sie in ferne Länder, um dort die Reiche zu gründen, die die Welt auch zur Zeit von „Das Licht und die Wildnis“ noch prägen.

Nachdem ich auf diese Weise die Welt ausreichend erkundet und kennengelernt hatte, entschied ich mich für einen ganz bestimmten Zeitpunkt und einen ganz bestimmten Ort, um eine neue Geschichte anzusiedeln. Als Ort entschied ich mich für Merkesch, die reichste und fortschrittlichste Stadt der Welt, einst gegründet auf den Glauben, dass menschliche Fähigkeit und menschlicher Einfallsreichtum alles schaffen können. Dieser Ort, an dem Technologie, Reichtum und Expansionsdrang Leben und Politik bestimmen, ist unserer eigenen (westlichen) Welt nicht nur zufällig sehr ähnlich.

Zudem entschied ich mich für einen Zeitpunkt, an dem das Ringen zwischen der ursprünglichen, ungezähmten Natur auf der einen Seite und dem menschlichen Eroberungs- und Unterwerfungsdrang auf der anderen Seite noch nicht entschieden ist. Anders als in unserer eigenen, realen Welt steht noch auf der Kippe, ob es dem Menschen gelingen wird, sich zum Herrn seiner Welt aufzuschwingen, oder ob er trotz all seiner Fortschritte letztendlich an Grenzen stößt und erkennen muss, dass er nur ein Gast und Besucher in einer Welt ist, die er niemals ganz begreifen und beherrschen wird.

Auf dieser Grundlage schrieb ich in ca. 9 Monaten den ersten Aufschlag von „Das Licht und die Wildnis“ mit einer Länge von ca. 1000 Seiten. Das Ganze war damals noch als ein einzelnes Buch gedacht. Nach meiner ersten Freude darüber, mit der Geschichte „fertig“ zu sein, bemerkte ich sehr schnell, wie viel Arbeit die Fertigstellung eines Buches wirklich bedeutet. Handlungsstränge mussten einheitlich gestaltet, Figuren weiter ausgearbeitet, Unter-Handlungsstränge eingeflochten werden. Dazu kam, dass Sprache mir besonders wichtig ist. Die Geschichte soll nicht bloß eine Handlung erzählen. Ich möchte, dass die Sprache fließt. Dass eine gewisse Poesie und Schönheit in ihr liegen. Dass neben schlagfertigen Dialogen auch Passagen vorkommen, die Dinge nicht nur funktionell beschreiben, sondern in denen ich der Schönheit und Bedeutung bestimmter Szenen nach meinen eigenen Maßstäben wirklich gerecht werden kann.

Nicht jedem Leser gefällt dieser Ansatz. Die Kritik kann ich nachvollziehen. Ich habe mich bewusst entschieden, die Geschichte in einer Weise zu schreiben, die nicht unbedingt der aktuellen modischen Präferenz für vorwiegend handlungsgetriebene Geschichten entspricht. Einige der Kernaspekte, für die ich mich entschieden habe, sind die folgenden:

  • Die Geschichte folgt einer einzigen Person: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, zwischen den Sichtweisen verschiedener Handelnder zu „springen“. Mein Fokus liegt darauf, dem Leser ein wirklich tiefes Eintauchen nicht nur in die Welt und Handlung, sondern in Palter Calgolas Erfahrung der Welt und Handlung zu ermöglichen. Auch beraube ich mich auf diese Weise (freiwillig) der Möglichkeit und Versuchung, einfach den Charakter oder die Szene zu wechseln, wenn ich irgendwo „nicht mehr weiter“ weiß oder der Meinung bin, dass mehr Abwechslung erforderlich ist. Dies zwing mich in positiver Weise dazu, mir umso mehr Gedanken darüber zu machen, wie ich auch „banale“ Aspekte an Palters Reise interessant und unterhaltsam gestalten kann.
  • Die Geschichte entwickelt sich größtenteils in Echtzeit: Auch dies ist eine bewusste Entscheidung mit dem Ziel, die „Immersion“, also das Erlebnis des „Eintauchens“ zu erhöhen. Ich beraube mich hierdurch (erneut freiwillig) der Möglichkeit, Szenen mit Sätzen wie „Und dann ritten sie drei Tage durch den Wald“ quasi zu „überspringen“. Ich bin mir bewusst, dass es sich um eine riskante Entscheidung handelt. Nicht wenige kritische Rückmeldungen, besonders zum ersten Buch der Serie, spielen genau auf diesen Punkt an. Die Vorwürfe lauten, dass „zu wenig passiert“, die Dinge sich zu langsam entwickeln oder diverse Passagen Eingang in die Geschichte gefunden haben, die man auch hätte kürzen oder streichen können. Dies ist sozusagen der Preis, den ich für meine Entscheidung bezahlen muss. Ich möchte aber (siehe Punkt eins), dass der Leser den Alltag in Merkesch zwischen Steuerpapieren und Verpflichtungen als erdrückend und langweilig empfindet. Schließlich ist dies ein zentraler Punkt von Palter Calgolas Erfahrung und für seinen eigenen Antrieb. Ich möchte, dass der Leser, wenn Palter mit verbundenen Augen durch endlose Wälder gefahren wird, den Sinn für Zeit verliert, sich genervt fragt, wie viele Tage sie jetzt eigentlich schon zu unterwegs sind, ohne, dass allzu viel passiert und sich wünscht, dass endlich wieder etwas passiert und die Fahrt vorbei ist. Genau so erlebt nämlich auch Palter Calgola die Geschichte.
  • Die Geschichte behandelt bedeutsame Themen bezogen auf die menschliche Existenz: Auch dieser Aspekt ist nicht unbedingt akzeptanzfördernd. Ich habe mich bemüht, das Thema nicht zu überfrachten und sprachlich sowie durch die Abwechslung „philosophischer“ mit handlungsbasierten Passagen so zugänglich wie möglich zu gestalten. Dennoch ist er für mich unerlässlich. Platt gesagt: Warum sollte es mich (oder Sie, als Leser), interessieren, dass irgendein Reich bedroht ist, von dem sie noch nie gehört haben? Warum sollten Sie Zeit und Energie aufbringen, um sich um eine ausgedachte Geschichte zu sorgen, wo es doch genügend Sorgen und interessante Entwicklungen in unserer echten Welt gibt? Mein Lösungsansatz liegt in einer Durchmischung von rein „unterhaltsamen“ mit „lebensrelevanten“ Aspekten. Mich persönlich faszinieren fiktive Erzählungen dann am meisten, wenn sie mir neben Unterhaltung auch etwas bieten, was ich in meine eigene Welt „mitnehmen“ kann; wenn ich durch sie grundsätzliche menschliche Herausforderungen und Konflikte wie zwischen Pflicht und Freiheit, Glaube und Zweifel, Angst und Zuversicht, Macht und Schwäche sowie Liebe und Hass erleben und in einer Weise nachvollziehen kann, dass ich selbst nach dem Zuschlagen des Buches „reicher“ in meine eigene Welt zurückkehre.

Ich könnte vermutlich noch einige weitere Aspekte aufführen, die mir beim Schreiben wichtig waren, doch bei den benannten handelt es sich zumindest schon einmal um die wichtigsten.

Aus dem einen vorgesehenen Band sind inzwischen viele geworden. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen sind drei Bände erschienen. Zwei weitere liegen mir, basierend auf dem ursprünglichen 1000-Seiten-Manuskript, als Entwurfsversionen vor. Die Veröffentlichung von Band 4 ist für Ende 2019 vorgesehen.

Mir ist es wichtig, dass die Serie insgesamt einen geschlossenen und befriedigenden Handlungsbogen bildet und werde mich in den nächsten Monaten und Jahren weiter dieser Aufgabe widmen. Falls ich ausreichend Leser finde, die mit mir auf diese Reise gehen, bietet meine frühere Erkundung der Welt noch beinahe endlosen Stoff dafür, noch weitere Geschichten zu verfassen. Ich habe da schon mehrere Ideen, manche davon recht konkret und teilweise schon aufgeschrieben. Besonders eine Reise nach Abbadema würde mich als nächstes interessieren. Doch wir werden sehen, wie die Dinge sich entwickeln.

In diesem Sinne: Auf ein baldiges Widersehen in einer fremden Welt.

Matthias J. Diaz