Die Heldengeschichte im 21. Jahrhundert hat ein Problem. Mehrere sogar
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Auf der einen Seite sieht man Helden überall. Sie grinsen uns von Plakatwänden entgegen und zieren Filmposter. Der moderne Held ist jemand, der sich im Job selbst verwirklicht, das richtige Auto fährt, gut riecht, in den perfekten Urlaub fährt und abends mit seinen schönen Freunden mit Qualitätsbier anstößt. In Summe also jemand, der sich größtenteils aus den Belangen anderer (oder gar der Menschheit) heraushält und sein eigenes Ding macht.

Andere Helden, die man regelmäßig sieht, tragen bunte Kampfkostüme. Ihr Tagesablauf besteht darin, den Oberbösewicht zu besiegen, dabei mit schnittigen Onelinern um sich zu werfen und anschließend in ihrer Villa/Loft auf die nächste Bedrohung zu warten, die es zu besiegen gilt. Berufshelden quasi, die aus irgendeinem Grund (Kindheitstrauma, psychopatischer Grundcharakter) nicht anders können.

Beides, das merkt jeder erwachsene Mensch, sind fiktive Konstrukte, die sich so in der Realität kaum durchhalten lassen. Ein Plakat ist eine Momentaufnahme, ein Werbefilm dauert nur ein paar Sekunden. Ausgedehnt auf ein ganzes Leben käme es wohl eher einem Albtraum gleich, jeden Morgen fröhlich die gesunden Frühstückflocken zu löffeln, mit dem Glitzerauto zur Arbeit zu fahren, in der Gesellschaft dauergrinsender Kollegen den nächsten großen Pitch zu wuppen und abends mit immer gut gelaunten Freunden bedenkliche Mengen Alkohol zu sich zu nehmen (vorher noch ne Runde Yoga oder Muckibude, aber da hat die Leber ja auch nichts von). Nur Konsum und Zeitvertreib kann’s auf Dauer eben auch nicht sein.

Vergleichbares gilt für Superhelden. Der aktuelle Dalai Lama hat mal etwas geschrieben wie: Wer einen Menschen tötet, ist in Wirklichkeit kein Held, denn dieser Mensch wäre ja ohnehin irgendwann gestorben. Ähnlich könnte man (auch ohne zynisch zu werden) wohl annehmen, dass ein Superheld, der regelmäßig einen neuen Obermotz vermöbeln muss, der die Welt erobern oder zerstören will, das Ganze irgendwann als eine Art wiederkehrende, halbwegs gewöhnliche Arbeit ansehen muss. Es dürfte ihm entsprechend schwerfallen, auf jede Bedrohung mit der angemessenen Dramatik zu reagieren und bei der Ansprache des Schurken nicht heimlich auf die Uhr zu schielen. In seinem Kalender stände dann irgendwann: „Dienstag: Zorbo der Zerstörer“. „Mai kann ich nicht, da ist wieder Alien-Invasion.“

Ich will mich damit weder über Werbefiguren noch über Superheldenfilme unnötig lustig machen. Beide haben ihren Zweck (Wunschträume in Geschichten verpacken, um zu verkaufen bzw. Machtfantasien in Geschichten verpacken, um zu unterhalten). Worauf ich hinaus will ist Folgendes: Übertragen auf die Realität würden wohl sowohl unser hipper Businesssingle Ralph-Hugo Barcadi als auch Wolfgang Amadeus Throatpuncher, Vermöbler aller, die Böses planen, nicht umhinkommen, sich ab und an zu fragen, WOZU sie eigentlich all das tun, womit sie sich jeden einzelnen Tag wieder neu beschäftigen.

Praktischerweise kommen wir damit zu einer der wichtigsten Grundfragen der Menschheit und ich habe sogar noch 2-3 Paragraphen übrig: Wozu das alles? Warum sind wir hier, und wie lebt man ein gutes Leben?

Damit gute Nacht.

Kleiner Scherz! Also. Ich bin der Überzeugung, dass der Ursprung der Heldengeschichte (und ein bedeutsamer Teil ihrer Faszination) nicht (allein) darin liegt, dem Zuhörer/Zuschauer eine kurzweilige „Weltflucht“ und Ablenkung von der Realität zu ermöglichen. Die klassische Heldengeschichte bietet immer auch einen Antwortversuch auf die Frage: Was kommt nach dem Spannungsbogen? Wozu all das, um das sich der Held so große Sorgen macht und für/gegen das er (oder sie) mit derart großer Mühe kämpft?

Ein gute Heldengeschichte, das ist meine Überzeugung, ist von der Welt des Lesers nicht entkoppelt. Im Gegenteil: Sie ist in der Lage, Perspektiven zu vermitteln, welche im besten Fall die reale Lebenswelt des Zuhörers/Lesers in einer Weise bereichern, die nach dem Zuschlagen der Buchdeckel fortdauert. J.R.R. Tolkien spricht hier von „Cleaning our windows“, die Reinigung der uns altbekannten Fenster, durch die wir die Welt betrachten, um in ihr neue (und bedeutsame) Dinge zu erblicken. Historisch könnte sogar argumentieren, dass sämtliche (anfangs mündlich überlieferten) Heldenerzählungen ursprünglich dazu dienten, dem Leser durch die (fiktiven) Erfahrungen eines Anderen Orientierung für sein eigenes Leben zu geben.

Daraus leitet sich die Frage ab: Warum sind wir heute von diesem Ursprung scheinbar so weit entfernt? Warum beschränken sich derart viele Heldengeschichten auf reine Unterhaltung und berauben sich damit dieser einstmals so bedeutsamen Dimension?

Auch hierzu kann ich wieder nur persönliche Spekulationen anbieten. Ich denke, aus nachvollziehbaren Gründen ist die Vermittlung einer „höheren Bedeutung“, „Moral“ oder „guten“ Lebensführung durch Geschichten spätestens im 20. Jahrhundert ziemlich aus der Mode gekommen. Einerseits erscheint das Bild des klassischen, kriegerischen Helden durch die historischen Erfahrungen mit manipulativem Heldenkult und industriellen Abnutzungskriegen, in denen der Einzelne nichts zählt, schlichtweg überholt. Dazu kommen eine zunehmende Individualisierung und ein zurückgehender Einfluss moralischer Institutionen. Wir sind es einfach satt, uns vorschreiben zu lassen, wie wir leben sollen oder leere Versprechungen zu bekommen, und das gilt auch für Geschichten. Die einzige noch verbleibende Sünde, so erscheint es zumindest manchmal hier in Berlin, besteht darin, jemandem vorzuschreiben oder auch nur nahezulegen, wie er zu leben hat.

Kein besonders fruchtbarer Boden für die „klassische“ Heldengeschichte. Entsprechend sind auch die Geschichten, mit denen man es heute zu tun bekommt, in dieser Beziehung oft stumm oder kraftlos. Entweder, der Verfasser befasst sich gar nicht erst mit der Frage nach dem „darum“ und dem „danach“. Es bleibt also offen, was der Held oder die Welt nun wirklich langfristig davon haben, dass eine bestimmte Bedrohung abgewendet werden konnte. Oder aber, die Auflösung der Geschichte beschränkt sich auf eine persönliche „Flucht ins Private“. Der Held bekommt die Frau, den Applaus und vielleicht noch den verdienten Ruhestand. Welche Ruhe und Erfüllung ihm das verschafft, fragt man besser nicht zu genau.

Diejenigen, die sich auf die Frage nach dem Sinn einlassen, haben es ebenfalls nicht einfach. Wir alle kennen Geschichten, indem der Verfasser sich an der Beantwortung versucht, aber an der Barriere der unbarmherzigen Realität zerschellt. Das Ergebnis sind euphorische, „überzuckert“ erscheinende Enden, Friede, Freude, Eierkuchen, also von der Realität losgelöste, dem Verstand des Lesers nicht gerecht werdende Lösungen, bei denen man sämtliche kritische Vernunft dermaßen ausschalten muss, dass ein „Übersprung“ der Bedeutung der Geschichte auf unsere eigene Welt nicht zustande kommt.

Fazit: Das Problem der Heldengeschichte ist historisch bedingt nachvollziehbar und entspringt einem Zeitgeist, indem viele Menschen der Frage nach einer höheren Bedeutung entweder ratlos gegenüberstehen oder die Möglichkeit verneinen, eine solche könnte überhaupt (noch) existieren.

Ich finde das sehr schade. Etwas geht dadurch verloren, und ich glaube, es ist etwas Zentrales. Wenn ich mich in die Reihe der benannten Gruppen von Verfassern einreihen müsste, würde ich die letzte wählen. Lieber will ich bei dem Versuch scheitern, die Fragen nach dem „warum“ und dem „danach“ wenigstens anzugehen, als dieses kritische, wie ich finde faszinierende Element einer Heldengeschichte einfach unberührt zu lassen. Diese Absicht ist für mich beim Verfassen von „Das Licht und die Wildnis“ sogar recht zentral. Nach bestem Vermögen versuche ich beim Schreiben, die „erhebenden“ Elemente der klassischen Heldengeschichte (Verknüpfung der Erzählung mit unserer eigenen Welt in einer Weise, die auch letztere bedeutsamer und „schöner“ erscheinen lässt) auch für uns moderne, kritische Leser erlebbar zu machen.

Ich versuche mich daran, indem auch der Protagonist als „moderner“ Mensch gezeichnet ist. Palter soll sich ähnliche Fragen stellen wie wir, damit wir als Leser nicht den Verstand ausschalten müssen, um die Welt, in der er sich bewegt, als authentisch zu erleben. Palter ist Soldat. Er hat sinnloses Sterben und leere Ideologie erlebt. Er ist gegenüber jeglicher Möglichkeit einer „höheren“ Bedeutung von Dingen und Erlebnissen äußerst kritisch eingestellt. „Übernatürliches“ ist ihm beinahe so fremd wie uns als Lesern (obwohl „seine“ Welt von einer Welt des Übernatürlichen noch nicht so weit entfernt ist wie die unsere; man kann sich ihr noch durch Reisen physisch nähern). Er zweifelt und beschwert sich. Er erfährt Hoffnungszeichen, bekommt aber keine Gewissheit. Er wird konfrontiert mit praktischen Problemen ebenso wie mit der Frage danach, zu welchen Zweck er sich überhaupt darum sorgen sollte, diese zu überwinden.

Was ich dabei hoffe, zu vermitteln, ist keine „Lehre“. Die Geschichte soll unterhalten und Spaß machen. Ich bin in keiner Position, die „Wahrheit“ von einem guten, bedeutungsvollen Leben zu vermitteln. Was ich mir allerdings erlaube, ist ein in unserer Zeit beinahe schon ketzerisch erscheinender Vorschlag. Dass vielleicht die Tür zwischen unserer modernen Welt und jener Welt der Sagen und Erzählungen unserer Vorfahren noch nicht ganz so fest verschlossen ist, wie es oft den Anschein hat. Dass zumindest die Möglichkeit besteht, den Durchgang bei gründlicher Suche noch irgendwo zu finden und einen Spalt weit aufzustoßen. Und dass selbst hinter den Dingen unserer Welt, die oft bar jeder höheren Bestimmung erscheinen, vielleicht, nur vielleicht, irgendwo die Hoffnung auf eine höhere Bedeutung liegt, in der alles einen Sinn ergibt. Vielleicht gelingt es uns, noch einmal einen Schein von jener Welt zu erspähen, in der unsere Vorfahren Götter, Geister und eine lebendige, würdevolle und oft übermächtige Natur zu erkennen meinten. Solange wir unsere Fenster nur gründlich genug putzen.

Alright, das war jetzt wirklich lang. Warnung zum Schluss: Wer dranbleibt, bekommt noch mehr davon. In diesem Sinne, sauber bleiben.

Machts gut und bis die Tage.

Matthias J. Diaz

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